Institut für Altertumswissenschaften

Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft

Die indogermanischen Sprachen auf dem eurasischen Kontinent
Die indogermanischen Sprachen auf dem eurasischen Kontinent
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Lehrstuhl für Vergleichende Sprachwissenschaft
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(wiss. Assistentin)
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Fachbeschreibung

Die Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft, kurz Indogermanistik, hat die sogenannten "indogermanischen" Sprachen zum Forschungsgegenstand. Nachdem im 19. Jahrhundert eine zuverlässige Methodik entwickelt worden war, konnte der wissenschaftliche Nachweis erbracht werden, dass verschiedenste Sprachen auf dem europäischen und asiatischen Kontinent auf eine gemeinsame Grundsprache zurückgehen. Zusammen bilden sie die indogermanische Sprachfamilie. Die zahlreichen Einzelsprachen lassen sich - abgesehen von bruchstückhaft überlieferten Sprachen - in elf große Sprachgruppen unterteilen:

  • Albanisch

    Anatolisch† (u.a. Hethitisch, Luwisch, Lydisch, Lykisch, Palaisch)

    Armenisch

    baltische Sprachen (u.a. Altpreußisch†, Lettisch, Litauisch)

    germanische Sprachen (u.a. Dänisch, Deutsch, Englisch, Friesisch, Gotisch†, Isländisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch)

    Griechisch

    indoiranische Sprachen (u.a. Avestisch†, Farsi, Hindi, Kurdisch, Marathi, Pashto, Sanskrit†, Urdu)

    keltische Sprachen (u.a. Bretonisch, Gallisch†, Irisch, Keltiberisch†, Kornisch†, Kymrisch/Walisisch)

    romanische (u.a. Französisch, Italienisch, Katalanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Spanisch) bzw. italische Sprachen (u.a. Latein†, Sabellisch†)

    slawische Sprachen (u.a. Bulgarisch, Polnisch, Russisch, Serbokroatisch, Slowakisch, Slowenisch, Tschechisch, Ukrainisch, Weißrussisch)

    Tocharisch†

Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung spricht heute eine indogermanische Sprache. Der Terminus selbst wurde 1823 von Julius Klaproth geprägt. Er soll die indogermanischen Sprachen in ihrer geographischen Verbreitung auf dem eurasischen Kontinent umklammern: mit Indisch als der südöstlichsten und Germanisch als der nordwestlichsten indogermanischen Sprachgruppe. 

Als wissenschaftliche Disziplin hat sich die Indogermanistik zur Aufgabe gemacht, aus den überlieferten indogermanischen Tochtersprachen Rückschlüsse auf die gemeinsame Grundsprache, das sogenannte Urindogermanische, zu ziehen. Solche Rückschlüsse sind deshalb möglich, weil sprachliche Veränderungen nicht willkürlich, sondern in bestimmten Bereichen nach gleichbleibenden Regeln ablaufen. Deshalb können Sprachwissenschaftler die indogermanische Grundsprache in ihren verschiedenen Aspekten rekonstruieren (Lautsystem, Grammatik, Wortschatz, Syntax).

Umgekehrt lassen sich sprachliche Erscheinungen der einzelnen Tochtersprachen wiederum aus dem Urindogermanischen und den nachfolgenden sprachlichen Entwicklungen heraus erklären.

Außerdem führt die gründliche Erforschung der indogermanischen Sprachen auch zu Erkenntnissen über den kulturellen Hintergrund der jeweiligen Sprachgemeinschaft (Geschichte, Gesellschaftsstruktur, Religion, Philosophie, Dichtkunst u.a.). Somit lassen sich dann auch Schlüsse über die Kultur der Indogermanen ziehen. 
Da das Urindogermanische im 3. oder 4. Jt. v.u.Z. anzusiedeln ist und der Sprachvergleich mit zunehmender Veränderung der Tochtersprachen immer schwieriger wird, beschäftigt sich die Indogermanistik bevorzugt mit den am frühesten überlieferten Sprachstufen der indogermanischen Einzelsprachen, z.B.

 

Anatolisch (ab dem 18. Jh. v.u.Z.):

Tontafel mit einem hethitischen Ritual in Keilschrift

 

Griechisch (ab dem 14. Jh. v.u.Z.):

Tontafel mit einem griechischen Verwaltungstext in Linear-B-Schrift

 

Altindisch (ab dem 14. Jh v.u.Z.):

Strophe aus dem Ṛgveda in Devanāgari-Schrift

 

Latein (ab dem 7. Jh. v.u.Z.):

Altlateinische Inschrift auf der sog. Dueonos-Vase

 

Germanisch (ab ca. 200 u.Z.):

Gotischen Übersetzung des Neuen Testaments im gotischen Alphabet

 

Die Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft ist ein interdisziplinär orientiertes Fach und gilt als Verbindungsglied zwischen den Kulturräumen vom nördlichen Europa über den Mittelmeerraum und den Alten Orient bis Indien und Zentralasien. Moderne Fragestellungen der Allgemeinen Sprachwissenschaft und Theoretischen Linguistik werden auf indogermanische Sprachen übertragen, die ihrerseits den beiden genannten Disziplinen sprachliches Material liefern. Berührungen ergeben sich weiterhin mit anderen historischen und philologischen Fächern wie der Klassischen Philologie, der Germanistik, der Anglistik, der Nordistik, der Slavistik, der Alten Geschichte, der Archäologie, der Vor- und Frühgeschichte, der Indologie und der Orientalistik. Studenten all dieser Fächer ergänzen und erweitern ihre Kenntnisse durch den Besuch unserer Lehrveranstaltungen. Exemplarisch seien hier einige fächerübergreifende Themenstellungen aufgelistet: Grundlagen der Allgemeinen Sprachwissenschaft, Richtungen der Sprachtypologie, theoretische Grammatikmodelle am einzelsprachlichen Beispiel (darunter das Neuhochdeutsche), Probleme der griechischen und lateinischen Phonologie, Morphologie, Syntax und Semantik, kulturgeschichtliche Fragestellungen (z.B. Zarathustra, die Kelten), Sprachkurse (z.B. Litauisch, Hindi, Tocharisch).

Die Indogermanistik bildet nicht nur für die universitäre Laufbahn aus (Tätigkeit in Forschung und Lehre). Sie bedient neben Lehramtsstudiengängen (z.B. Latein, Deutsch, Geschichte) weitere Studienfächer, die eine Vielfalt an beruflichen Zielen ermöglichen (z.B. im Verlagswesen, in Bibliotheken, in Museen).